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Oje, so richtig gluecklich war ich ja nicht, als ich in Mysore in den Zug gestiegen bin. Worauf hatte ich mich da bloss wieder eingelassen? Keine Ahnung, aber taeglich so richtig frueh aufstehen, um 17 Uhr das letzte Essen und zehn Tage lang nicht nur nicht reden, sondern auch nicht lesen, schreiben oder sonst irgendeine Beschaeftigung, mit der man sich normalerweise die Zeit vertreibt. Und viel Zeit wuerde ich ja haben. Der einzige angebotene Zeitvertreib: Meditation. Hab ich mich ja bis jetzt auch noch nie weiter mit befasst, aber zehn Stunden pro Tag schienen mir nun doch ein bisschen uebertrieben. Da standen mir wohl zwoelf ganz schoen langweilige Tage bevor. Ich muss zugeben, dass ich ueberlegt hab, einfach nicht hinzugehen und den naechsten Zug zurueck zu Alex zu nehmen. Andernfalls wuerden die naechsten 13 Tage die laengste Zeit werden, die wir getrennt voneinander verbringen, seit wir uns kennen. Ein positives Argument hatte ich auf Lager. Was sind schon zehn (oder auch zwoelf) Tage, wenn sie ein ganzes Leben verbessern koennen. Mit Betonung auf "koennen". Wer weiss, vielleicht wuerde ich es ja gar nicht so lange aushalten und muesste den Kurs sogar abrechen? Soll ja nicht so einfach sein. Doch wie immer, wenn man auf dem richtigen Weg ist, kam bald ein Lichtblick. Den Lichtblick hatte ich schon beim Einsteigen damit beeindruckt, dass ich seinen Namen wusste, ohne ihn je vorher gesehen zu haben. Er hiess George. Ausserdem kannte ich sein Alter (34), seine Sitznummer (neben mir) und wusste - etwas weniger beeindruckend - dass er maennlich war. Das Geheimnis war der aussen am Zug angeklebte Reservierungszettel, ausgestattet mit den wichtigsten Informationen ueber meine Mitfahrer und mich. Nachdem ich also mit meinen scheinbar hellseherischen Faehigkeiten schon ein bisschen Eindruck geschunden hatte, kamen wir auch bald ins Gespraech und schon nach zwei Saetzen stellte sich heraus, dass auch George (Ami mit griechischen Eltern) zum Vipassanakurs wollte. Und er konnte mir einige Zweifel nehmen, da er den Kurs schonmal auf seiner letzten Indienreise gemacht hat - vor zehn Jahren. Sei alles halb so schlimm, es gibt reichlich zu essen und danach ist alles super. Dafuer verriet er mir, dass man sich manchmal eine Stunde lang nicht bewegen darf und keine spannenden Gedankenausfluege macht, wie ich mir das vorgestellt hatte, sondern sich allein auf bestimmte Koerperpunkte und den Atem konzentriert. Ich beschloss, dieses neu erworbene Wissen gleich wieder aus meinem Gedaechtnis zu streichen. Die restliche Bahnfahrt war unspektakulaer, aber ich konnte die beiden Kuschelinder auf der Liege mir gegenueber beobachten, die dort friedlich und eng umschlungen geschlafen haben.
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