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Tag 6 - Mueckenrache Drucken
Geschrieben von Susan   
Freitag, 17. Februar 2006
Vipassanagarten
Vipassanagarten
Am Morgen des sechsten Tags hab ich aus egoistischer Angst vor Malaria gegen ein anderes Gebot verstossen und eine Muecke getoetet. Es kam wie es kommen musste, und der sechste Tag wurde, wie von Goenka angekuendigt, ein schwerer Tag. Inzwischen hatte ich schon die faszinierende Entdeckung gemacht, dass man lernen kann, Schmerz einfach abzuschalten. Doch wie man sich besser konzentriert, wusste ich immer noch nicht. Die ganzen zehn Tage waren wirklich eine ganz schoene Achterbahnfahrt, um mal diese beliebte Metapher zu benutzen. Und am fuenften Abend hatte eine rasante Fahrt Richtung Erdboden begonnen. Ich konnte die Zeichen nicht laenger ignorieren, ich hatte wie schon bei meinem Versuch, meinen Geist ins Flugzeug zu beamen, alles missverstanden und meinen Wuenschen angepasst. Das musste ich leider waehrend des abendlichen Videos erkennen. Bloedes Video. Ich bin mir nicht sicher, ob ich alles falsch gemacht hab oder doch einen anderen Weg gefunden hab (diese Moeglichkeit gefaellt mir natuerlich besser), denn im Endeffekt kam ich doch aufs von mir gewuenschte Ergebnis. Aber der Weg dahin war ganz schoen verschlungen und der sechste Tag sah stark nach Sackgasse aus.

Es fing schon mit der Lehrerfragestunde an. Die gab's so jeden zweiten Tag. Fuer Auslaender etwas seltener, je nachdem, ob die Lehrerin Lust auf eine neue Runde sprachliche Missverstaendnisse hatte oder nicht. Ein weiteres Mal liess sie sich drauf ein, inzwischen mithilfe der Schweizerin als englisch-englische Dolmetscherin. Noch stolz hab ich von den Prickelempfindungen berichtet, die ich auf wunderbare Weise so schnell ueberall gleichzeitig spueren konnte. Alles genau so, wie es sein sollte. Komischerweise jedesmal das selbe Prickelgefuehl. So sollte es eigentlich nicht sein. Begeistert stimmte mir die Lehrerin zu, no no, you never feel the same thing again. Nicht? Da hatte ich wohl das Unmoegliche moeglich gemacht. Oder mir etwa alles nur eingebildet? So wie der Finger manchmal erst weh tut, nachdem man gesehen hat, dass man sich geschnitten hat. Wie auch immer, jetzt hatte ich erstmal keine Lust mehr. Und dann hat das Video, anstatt mich wie sonst aufzubauen, meine Zweifel nur noch bestaerkt. Zweifel an meinen Fortschritten und vor allem am edlen Vipassana selbst. Denn erstmal wurden alle weltlichen Freuden von Alkohol bis Kinobesuch ins Reich der Verursacher von boesen Sehnsuchtssankarras verbannt. Mir war vorher nicht so ganz bewusst, dass ich mich hier auf Buddhismus eingelassen hatte. In meinen Augen immer noch die bei weitem sympathischste Religion, doch wird davon ausgegegangen, dass das Leben ein grosses Leiden ist. Zumindest solange man nicht erleuchtet ist und selbst zum Buddha wird. Das letztendliche Ziel von Vipassana. Ganz so weit hatte ich nicht gedacht. Ausserdem konnte ich mich so schnell nicht in den Wiedergeburtsgedanken einfinden. Denn alles Boese, was einem passiert, woran man wirklich nicht durch negative Gedanken, Taten etc. selbst Schuld ist, ist einem aufgrund von schlechtem Karma aus vorherigen Leben zugestossen. Das fand ich erstmal doof, denn es macht schon mehr Spass, wenn Jemand anders Schuld an allem hat. Dazu passen jetzt gleich zwei Kursweisheiten. Erstmal wollte ich schreiben, dass ich gegen Ende des Kurses, Wiedergeburt hin oder her, doch eher erleichtert war, zu erkennen, dass tatsaechlich ich an einigen doofen Sachen selbst Schuld bin/ war. Aus der Opferrolle entrissen und direkt zum Verursacher befoerdert. Ich muss zugeben, dass frueher (vor langer, langer Zeit) sogar Andere Schuld waren, wenn ich mich zum Beispiel gestossen hab. Wenn Keiner in der Naehe war, der im Weg stand oder mich abgelenkt hat, dann wenigstens der Tuerrahmen oder was auch immer. Die zweite Erkenntnis ist, dass Aergern Spass macht. Man aergert sich ja von allein, ohne dass man es eigentlich muesste. Oder, noch schlimmer, man aergert sich immer wieder ueber dasselbe.

Beim fuenften Abendvideo jedenfalls kam raus, dass ich wirklich gar nichts weiter machen sollte, als auf langweilige rein physische Gefuehle zu warten und diese dann emotionslos zu beobachten. Bisher hatte ich die eher nebenbei als Hintergrunduntermalung laufen lassen und gekonnt ignoriert und dabei eine viel spannendere Reise in meine Erinnerung unternommen. Schliesslich war ja vom Unterbewusstsein die Rede gewesen. Und da es sich ja immerhin um meinen eigenen Kopf handelt, der von boesen Sankarras befreit wird fand ich eigentlich, dass ich auch das Recht hab, dabei zuzugucken. Aber ueber zehn Stunden taeglich allein auf Pieken, Kribbeln und Wehtun konzentrieren ist zu viel und so war der Sechste ein schlechter Konzentrationstag.

Also keine Mueckenmorde mehr fuer den Rest des Kurses.

 
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