 5 Ich hatte mir inzwischen angewoehnt, jeden Tag etwas aus dem Garten aufzusammeln. Zum Teil auch, um die bereits vergangenen Tage zu zaehlen. Strichliste war ja ohne Stift nicht moeglich. Am fuenften Tag (ein lang ersehnter Tag - Bergfest) sprang mir eine Art dunkle Riesenbohne ins Auge. Die lag auf dem Boden, also hab ich sie aufgehoben und wollte meinen Neufund gerade angemessen bewundern, als sich eine Inderin heranpirschte. Und das Schweigegebot brach, indem sie mir etwas zuraunte, was ich nicht verstand. Beim dritten Versuch merkte ich immerhin, dass es was mit der Riesenbohne zu tun hatte. Hm, wenn sie extra das allerwichtigste Verbot missachtet hat, will sie mich vielleicht warnen. Wahrscheinlich handelt es sich um eine hoch giftige zumindest heilige Pflanze. Also lieber schnell fallen lassen. Doch obwohl der Stein des Anstosses jetzt ja beseitigt war, kehrte sie noch nicht zur edlen Ruhe zurueck und so wurde mir langsam klar, dass die Bohne nur Vorwand fuer einen kleinen Plausch gewesen war. Na Mist, was mach ich denn jetzt. Ich hab mich wirklich gefragt, ob es an meiner Nationalitaet liegt, aber ich wollte wirklich brav alle Regeln befolgen damit ich mich letztendlich nicht umsonst zehn Tage lang einsperren lassen hab. Nicht einfach, umgeben von einem Volk, das Regeln scheinbar nur aufstellt, damit sie gebrochen werden koennen.
Bevor ich fliehen konnte und innerlich zwiegespalten, beantwortete ich also ein paar der ueblichen Fragen, diesmal im Fluesterton. Leider auch die zu meinem Namen, was dazu fuehrte, dass ich in den kommenden Tagen andauernd ein aus allen Ecken gezischtes, aber leider doch nicht zu ueberhoerendes "Susie, Susie!" hoerte. Das wiederum fuehrte dazu, dass ich mich jetzt staendig auf der Flucht befand. Bald hatte ich entdeckt, wer alles zum Club der heimlich Fluesternden gehoert und demzufolge meinen Namen kannte. Diese Personen mussten natuerlich gemieden werden, damit ich mich nicht wieder in so grossen inneren Zwiespalt begeben musste. Entweder musste ich unfreundlich sein und alles Rufen ignorieren (hab ich ein paar Mal probiert, aber die Inderinnen sind hart im Nehmen und verstehen weder einen Wink mit dem Zaunpfahl noch sind sie im Mindesten beleidigt), oder mich auf ein erneutes Frage- und Antwortspiel einzulassen, was ich unter normalen Umstaenden schon nicht immer toll finde, weil Jeder den Anderen nur beim dritten Satz versteht und der Fragebogen meist nicht besonders abwechslungsreich ist. Beim zweiten Versuch, heimlich eine andere Riesenbohne (waechst an einem Baum, dessen Namen keine der Fluesternden kannte) aufzuheben, hatte ich aber eine wirklich suesse Begegnung. Ich war gerade auf dem Weg, meine Eroberung schnell im Zimmer verschwinden zu lassen, als meine erste Freundin, schon von Weitem zu erkennen an einer grossen Nase, vor mir stand. Mist, mal wieder nicht schnell genug gewesen. Zum Glueck musste ich mich nur kurz fuer die Bohne rechtfertigen, denn wie zufaellig kam noch eine andere Fluesterschwester naeher. Die wurde mir schnell mit den Worten "She likes you" vorgestellt und weg war die Erste. Dann haben wir uns freudig angelaechelt und ich bin schnell in mein Zimmer gefluechtet - zu viel Ferienlageratmosphaere. In Ermangelung von Jungs waren hier scheinbar die wenigen auslaendischen Kursteilnehmer die grosse Attraktion. Ausser mir gab's noch eine Franzoesin Mitte Zwanzig, die seit zwei Jahren in Bangalore Tanz studiert, eine sehr nette junge Japanerin, eine aeltere Schweizerin, die gleich als Dolmetscherin eingesetzt wurde, eine Italienerin und ein anderes Maedchen, das in der Mitte des Kurses auf mysterioese Weise verschwand. Und etwa 25 indische Frauen, die meisten als Gruppe christlicher Schwestern angereist (das waren die schlimmsten Fluesterer). |