 4 Heute sollte es endlich mal richtig losgehen. Die ersten drei Tage waren nur Vorbereitung gewesen, erst ab der zweiten Tageshaelfte des vierten Tags wird's so richtig spannend - es wird mit Vipassana begonnen. Das war mir nicht so richtig klar gewesen, aber in den ersten drei Tagen hatte ich lediglich Anapana-Meditation praktiziert. Na zum Glueck, mal was anderes als Atem, jetzt wird's also spannend. Jaja, leider hatte ich noch nicht gelernt, dem Leben ohne Erwartungen gegenueber zu treten. Ich haette es besser wissen muessen, schon am ersten Tag hatte ich mir spannende Unterhaltung durch uebernatuerliche Abenteuer erwartet. Da gab es naemlich Goenkas melodisch vorgetragene Warnung zu hoeren "the mind will wanderrrrrr awayyyy". Soll heissen, mal wird sich nicht die ganze Zeit allein auf den Atem konzentrieren koennen. Wie bei mir ja auch passiert, sucht sich das Gehirn selbst spannendere Beschaeftigungen. Ich aber hab das natuerlich erst so verstanden, dass der Sinn der Sache ist, den Geist wandern zu lassen. Und das ein bisschen zu woertlich genommen und eine zeitlang versucht, mein mind in eins der 30 Meter ueber mich hinweg fliegenden Flugzeuge zu setzen. Hat gluecklicherweise nicht geklappt, sonst haette es womoeglich nicht mehr zurueck gefunden.
Naja und sowas in der Art hab ich mir wenigstens jetzt versprochen. Vielleicht einen imaginaeren Film, in dem alle moeglichen guten und schlechten Erinnerungen in meinem Kopf vorbeilaufen, waehrend ich mich selbst hypnotisiere. Nichts da, stattdessen: Fast das Gleiche wie vorher, nur ohne sich zu bewegen. Eine Stunde lang, ohne Lehne und auf dem Boden (na gut, auf einem Kissen auf dem Boden). Und ich kann stolz sagen - ich hab es so gut wie geschafft (nur fuenf Minuten laenger..)! Und es war beinah genauso beeindruckend wie Hypnose. Das klingt erstmal ganz schoen unangenehm, aber ich habe meine erste Vipassanastunde als durchaus positive (zum neutral konnte ich mich noch nicht ganz durchringen) Erfahrung abgeheftet. Ich glaube, diesmal sollte man einfach auf Empfindungen im ganzen Koerper achten. Nicht schwer, wenn nach zehn Minuten der ganze Koerper weh tut. Schon schwerer natuerlich, allem gleichgueltig gegenueber zu treten. Doch die erste Stunde war praktisch der Sprung ins kalte Wasser, danach war ich gegen alles immun. Als Erstes haben natuerlich die Knie weh getan, immer mehr und mehr, ich hatte ja auch nichts zum Ablenken, nur die Gewissheit, dass ich das noch 50 Minuten aushalten muss. Dann hat sich der Schmerz immer mehr ausgebreitet, bis ich wirklich, wie man so sagt, jede Faser im Koerper gespuert hat. Vielleicht kennen das Sportler, aber ich bin ja nicht so der Sporttyp (leichte Untertreibung wie einige wissen) und so war das neu fuer mich. Ein ganz schoen intensives Koerpergefuehl und ich glaube, sogar meine Koerpertemperatur hat sich erhoeht und ich hab kurz ein bisschen Fieber bekommen, aber trotzdem war es eigentlich ein gutes Gefuehl. Und so bin ich nach der Stunde auch ganz uebergluecklich nach draussen geschwebt. Ich musste auch schweben, da ich sonst nur humpelnd hin- und her geschwankt waer. Spaeter beim Essen gab es noch die freudige Ueberraschung, dass wir jetzt als verantwortungsbewusste Menschen angesehen wurden, und uns unser Essen selbst auftun durften. Also musste ich ab jetzt nicht mehr ganz so viele der neongelben Knusperwuermer essen. Der Tag wurde sogar noch besser (auch wenn das vielleicht gemein und - noch schlimmer - egoistisch klingt), als mich abends meine Zimmernachbarin verliess und zu einer ihrer Freundinnen zog. Leider musste ich entdecken, dass ich immer noch nicht besser schlafen konnte. |