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Tag 2 - der Geist ist ein wilder Bueffel Drucken
Geschrieben von Susan   
Dienstag, 31. Januar 2006

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Spaetestens am zweiten Tag wurde es ein bisschen spannender - mein Gehirn beschloss, sich selbst zu beschaeftigen und startete gelegentliche Halluzinationen. Mein Favorit war eine der ersten und wohl auch merkwuerdigsten: beim Konzentrieren auf meine Nase verwandelte diese sich ploetzlich vor meinem inneren Auge in ein Stueck Gurke, das dann von einem Hund gegessen wurde. Es war wirklich sehr frueh am Morgen. Und die ganze Zeit an nichts zu denken, sondern sich ausschliesslich auf den Atem an einem bestimmten Punkt zu konzentrieren ist nicht nur ungewohnt, sondern auch nicht unbedingt spannend. Ich gab mir aber Muehe und manchmal hat's auch ganz gut geklappt. Aber elf Stunden pro Tag war doch ein bisschen zu viel. In den weniger disziplinierten Momenten (ich schaetze sie mal grosszuegig mir selbst gegenueber auf sechzig Prozent, sicherlich war es ein weit hoeherer Anteil) schwang sich mein Gehirn in ungeahnte kreative Hoehen. Bis zum Abend hab ich in meinem Kopf mindestens drei Wohnungen eingerichtet, diverse Berichte geschrieben und zahllose Geschaeftsideen entwickelt (so gut wie alle inzwischen schon wieder verworfen). Das hat wirklich Spass gemacht, war aber leider nicht im Vipassana-Sinn und machte mich immer unruhiger. So viele tolle Ideen und keine Moeglichkeit, sie auch nur aufzuschreiben.

Ich entdeckte ausserdem ein Phaenomen wieder, dass ich noch aus Schultagen kannte - wie langsam Zeit vergehen kann, wenn sie einen aergern will. Nur hat sie diesmal wirklich uebertrieben. Wie soll man der vielgepriesenen Realitaet des Augenblicks gegenueber treten, wenn man nach gefuehlten anderthalb Stunden heimlich auf die Uhr schielt und feststellen muss, dass gerade mal 25 Minuten vergangen sind. Und noch anderthalb Stunden zu bewaeltigen sind. Erstaunlicherweise hat sich das Zeitphaenomen aber auch auf die Pausen und sogar Schlafzeiten ausgewirkt. Und zwar nicht, wie ich das in Erinnerung hatte, in entgegengesetzter Weise. Erstaunlicherweise vergingen auch die Pausen langsamer. Manchmal bin ich waehrend einer Ruh- und Schlafpause dreimal aus halbem Schlaf aufgeschreckt und es waren grad mal vier Minuten vergangen. Mysterioes aber angenehm.

Nach und nach begannen die extremen Stimmungsschwankungen, die die naechsten acht Tage lang kennzeichnen sollten. Ungefaehr so: nach einer guten Meditationsrunde, in der ich mich gut konzentrieren konnte, kam ich hoch euphorisch ins Freie gehumpelt. Dort gab es den schoenen Garten, viele Froesche und Libellen, den Himmel oder auch die Flugzeuge auf ihrem Landeanflug zu bewundern. Die Oase der Ruhe befand sich genau in der Anflugschneise des Chennaier Flughafen, so konnte ich gleich noch was gegen meine Flugangst machen - nicht eins der Flugzeuge, die ohrenbetaeubendes Rattern von sich gaben, ist abgestuerzt.

Wenn's aber mit der Konzentration mal wieder nicht so gut geklappt hat, kamen manchmal schon so einige Zweifel auf. Was ist das fuer ein Quatsch, soll das jetzt neun Tage so weitergehen? Doch jeden Abend wurden meine Zweifel vom grossen Maerchenonkel Goenka in seinem Videovortrag weggewischt.

Fast jeden Abend. Denn am zweiten Tag wiederfuhr mir eine besondere Ehre und ich bekam einen Kassettenrekorder und eine Kassette mit der deutschen Uebersetzung. Also hab ich's mir freudig in meinem Zimmer bequem gemacht. Nichts da, denn nach dem Zurueckspulen war das Band gerissen. Also erstmal die Kassette reparieren. Hab ich vorbildlich hinbekommen, aber nun fehlte der Anfang. Und irgendwie klang der Typ komisch. Mit super-ruuuuuhiger Stimme und merkwuerdigen Grammatikfehlern trotz akzentfreiem Deutsch. Der Uebersetzer konnte mit dem Original einfach nicht mithalten. Und auf deutsch klangen die weisen Worte Goenkas sogar ein bisschen laecherlich. Trotzdem hab ich erfahren, dass auch mein Geist ein wilder Bueffel ist, den es gilt zu zaehmen.

Am naechsten Tag hab ich wieder das Original vorgezogen.

 
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