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Tag 11 - Freiheit Drucken
Geschrieben von Susan   
Freitag, 17. Februar 2006

Am letzten Tag haette ich's fast doch noch geschafft, zu verschlafen. Erstaunlicherweise hab ich das Glockeninferno vor meiner Tuer ueberhaupt nicht gehoert. Trotzdem hab ich es grad noch rechtzeitig in die Meditationshalle geschafft. Zum Abschluss gab's naemlich was Besonderes - Meetha, die grosse Liebesmeditation oder, naeher am Original, "Practice of loving kindness". Hinterher sollte die Luft vor Liebe vibrieren.

Noch ein allerletztes Abschlussvideo mit der Anweisung, auch nach dem Kurs fleissig weiter zu meditieren. Eine Stunde frueh, eine Stunde abends, jeden Tag. Das erste Jahr soll es noch schwer sein, durchzuhalten, doch dann wird man fuer seine Muehe belohnt. Die verlorenen zwei Stunden werden dadurch ausgeglichen, dass man weniger schlafen muss und den ganzen Tag lang viel mehr Energie hat. Das klingt ja viel versprechend.

Aber erstmal war ich wie alle anderen froh, die Meditationshoehle endlich verlassen zu koennen. Schon am vorherigen Tag war die Decke vom Tor genommen worden und dadurch der Blick in die Freiheit (= auf die Strasse) freigegeben worden. Ein paar letzte Abschiedsfotos wurden gemacht, Kaori (die Japanerin) und ich wurden von den christlichen Schwestern auf ihr Dorf eingeladen und vor lauter Aufregung hab ich ganz vergessen, einen andaechtigen Moment der Stille vergehen zu lassen, bevor oder waehrend ich durch's Tor zurueck in die Welt trete. Dabei hatte ich so oft sehnsuechtig Richtung Strasse und Tor geguckt. Kaori und ich wurden sogar noch von einem indischen Sohn (auf Anweisung des Vaters) zum Bahnhof gefahren. Ich hatte ja gehoert, dass es ein Schock sein kann, nach zehn Tagen der Stille wieder ins laute Chaosindien zu kommen. Aber es war nur ein kleiner positiver Schock. Soooo viel auf einmal zu sehen, und alles so schoen bunt. Mit meiner neu antrainierten Superwahrnehmung gleich noch hundertmal intensiver. Gerade in dem Moment, als ich gedacht hab, wie anders als bisher alles aussieht, bot sich direkt vor uns ein besonders eindrucksvolles Bild: ein Mann, der genau frontal vor uns stand und seine Dhoti (ein kariertes Stueck Stoff, dass von Maennern wie ein Rock getragen wird und unbedingt alle zwei Minuten neu gelegt werden muss) oeffnete um uns einen langen Blick auf seine blaue Unterhose zu erlauben. Kaori hatte anscheinend gerade was Aehnliches gedacht, denn wir haben uns angesehen und mussten lachen. Das ist auch mein Lieblingsmoment des Tages geworden.

Dann sind wir noch zusammen mit dem Lokalzug zum Hauptbahnhof gefahren und dann war ich allein. Susan allein in Chennai, aber das ist naturlich kein Problem. Zu allererst bin ich ins Internetcafe gegangen, dann glaub ich was essen (mein erstes selbst gewaehltes Essen und ich weiss nichtmal mehr was es war) und zum Schluss zu meinem vorgemerkten 100Rs-Hotel. War natuerlich voll, aber durch meine neue positive Haltung allen Menschen - selbst Rickschafahrern - gegenueber, hab ich dann auf Einen gehoert und mich zu einem anderen Billighotel fahren lassen. Da bin ich nicht lang geblieben, sondern hab mich in die Stadt gestuerzt. Beim Kindermuseum gab's mal wieder verzwanzigfachte Touristenpreise, also hab ich mich anderweitig beschaeftigt und eine Bank gesucht, die Geld umtauscht. Unterwegs hab ich einen aeltlichen Mann getroffen, den ich erst fuer einen Bettler hielt, der mich aber mit echt gutem Englisch beeindrucken konnte. Er kam gleich mal mit mir mit gelaufen und ungefaehr so begann unser Gespraech:

Herr X- Hello!
Susan- (War da was? Ich hoer nix.)
X- Hello! Which country?
S- Germany
--------
So beginnt fast jedes Strassengespraech. Viele enden hier auch schon, doch dieses ging weiter.
X- Krmmmmmmpmppffff
S- (hab nichts verstanden, geh ich mal schnell weiter und tu so, als war nichts)
X- (stolzer Unterton) Ja, ich spreche ein bisschen Deutsch! (das hat er auf Englisch gesagt, aber ich uebersetz ja)
S- Oh, very good!

Dann hat er mich damit ueberrascht, dass er richtig gut ueber deutsche Geschichte Bescheid wusste (gluecklicherweise kein Wort von Hitler), mit seinen hellseherischen Faehigkeiten beeindruckt, in dem er mir meinen Vipassanakurs angesehen hat und mit seiner Meinung dazu empoert: "Bullshit!"

Was soll denn das, ich war grad so begeistert, da kommt Einer daher gelaufen und weiss gleich wieder alles besser. Dann gab's einen kleinen Monolog ueber die einzig wahre Meditation (klang nicht viel anders) und, interessanter, seine Geschichte. Ich hatte es mit einem ehemaligen Manager zu tun, der wie es schien irgendwann ein bisschen verrueckt, aber sehr gluecklich geworden ist und jetzt von Essenspenden in Tempeln lebt.

Am Abend bin ich natuerlich frueh ins Bett gegangen, nach hoechstens fuenf Meditationsversuchsminuten.

Und am naechsten Tag war ich puenktlich vor Anbruch der Daemmerung wach, um Alex vom Bahnhof abzuholen.

Von einem Nebeneffekt gibt es noch zu berichten. Mein Bauch hatte nach zehn Tagen einen persoenlichen Rekordflachheitsgrad angenommen, so dass ich mich jetzt mal zu einer lustigen aber auch empoerenden Begegnung in Gokarna bekennen kann, die ich bis jetzt verschweigen musste. Da hat mich naemlich eine fremde Frau in einem Laden angesprochen und freudestrahlend gefragt "Are you carrying?" Ich hab erst nicht verstanden was sie meint aber letztendlich kam raus, dass sie mich zu meiner Schwangerschaft beglueckwuenschen wollte. Wenigstens war ihr das dann ganz schoen peinlich und sie hat sich bestimmt sechs Mal entschuldigt.

Inzwischen (drei Wochen spaeter) koennte man aber vermutlich wieder eine Zweitmonatsschwangerschaft vermuten, wenn man moechte.

 
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