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Tag 0 - die letzten Stunden in Freiheit Drucken
Geschrieben von Susan   
Dienstag, 31. Januar 2006

Mein erster Eindruck von Chennai - es stinkt wie in der Jauchegrube. Inzwischen hat sich aber herausgestellt, dass sich das hauptsaechlich auf Gleise und Fluesse konzentriert. Ich bin dann noch mit George ein bisschen umher gelaufen, weil er ein Zugticket umtauschen wollte, dann waren wir noch zusammen was essen (war mal wieder die falsche Zeit und es gab nur Snacks, die ich alle nicht so richtig mag) und George ist in den staedtischen Zug in Richtung Vipassanacenter gefluechtet. Ich wollte meine letzten Stunden in Freiheit nutzen und mir ein bisschen die Stadt angucken. Hab ein Hotel fuer 100 Rs. entdeckt, ein Buch gekauft (mit der quaelenden Gewissheit, es in den naechsten 10 Tagen nicht lesen zu koennen), war nochmal essen und hab mindestens eine halbe Stunde nach der Post gesucht - 20 Minuten davon befand ich mich schon in unmittelbarer Naehe und in der richtigen Strasse, doch Keiner wusste was von einer Post.

Mit Bahn und Bus bin ich dann zu meinem Zuhause fuer die naechsten - Hilfe - elf Tage gefahren. Es war schoener als ich erwartet hatte. Moderne, flache Gebaeude inmitten eines schoenen Gartens mit vielen Pflanzen, einem Saeulengang und gruenem (nicht gelb vertrocknetem) Rasen. Grosses Gewimmel im Anmeldezimmer und bevor ich den ueblichen Fragebogen (Alter, Beruf, Geschlecht erweitert mit Gesundheitsfragen) ausfuellen durfte, musste ich mir noch eine Broschuere durchlesen. Die Regeln kannte ich ja schon aus dem Internet, dazu kam jetzt tatsaechlich, dass man den Kurs nicht vor Abschluss verlassen darf. Huh, na dann bleibt wir wenigstens keine andere Wahl als durchzuhalten. Alles Schreib- und Lesematerial, eventuell mitgebrachtes Essen und die Wertsachen wurden eingesammelt, dafuer bekam ich meine Zimmernummer. Nummer 19. Eins der besten Zimmer, in denen ich auf meiner Reise residiert habe, mit ordentlich gefliestem Bad und so gut wie keinen Wasser- oder Schimmelflecken an den Waenden. Auf meiner Matratze stand: "Welcome to the future. Get ready for the cyber-millenium!" Wenn das mal kein gutes Zeichen war. Das einzige, was mich stoerte - warum steht denn da noch ein Bett? Wie soll man denn ein Zimmer mit Jemandem teilen, ohne mit ihm zu reden? Doch anscheinend hatte ich Glueck, die Ankunftszeit war vorbei und ich hatte das Zimmer immer noch fuer mich allein. Doch waehrend des Einfuehrungstreffens und der ersten Meditationssitzung meines Lebens hatte ich staendig Angst, Jemand Fremdes koennte inzwischen mein Zimmer besetzen. Als ich spaeter aus dem Bad in mein Zimmer kam, hab ich mich zu Tode vor meinem auf der Leine haengendem Tuch erschrockenen, da ich dachte, da waere Jemand in meinem Zimmer. Wohl ein Zeichen meines noch zu grossen Egos und einer grossen Abneigung dagegen, mit fremden Leuten in einem Zimmer zu schlafen. Und leider anscheinend auch ein Fall von Vorhersehung, denn tatsaechlich haemmerte es zwei Stunden spaeter gegen meine Tuer. Natuerlich war ich nach langem Kampf gerade dabei gewesen, endlich einzuschlafen. Also hab ich alles Haemmern erstmal ignoriert. Nee also echt, jetzt ist Schlafenszeit, ich bin nicht da. Hat natuerlich nichts genuetzt. Jemand befahl mir "Open the door!" Oje, etwa ein Notfall? Vor der Tuer stand eine winzigkleine Inderin in meinem Alter. Und sagte nichts. Ich wollte eigentlich auch nichts sagen, denn das grosse Schweigen hatte bereits begonnen. Sie war wahrscheinlich von meinem unfreundlichen Blick erstarrt. Anscheinend wollte sie nun auch hier schlafen. Weil mir nichts Besseres einfiel, hab ich mich einfach wieder hingelegt und versucht, das nun startende Rumgeraeume um mich herum zu ignorieren. Dann hat sich meine neue Zimmergenossin, eine der vielen christlichen "Schwestern" im Kurs, wie sich spaeter herausstellte, schlafen gelegt. Und wie koennte es anders sein, schliesslich war sie trotz christlichen Glaubens eine waschechte Inderin, war sie nach fuenf Minuten eingeschlafen. Ich hatte mich ja schon vorher gefragt, wie so ein winzig kleines, zierliches Wesen so einen Riesenkrach vor der Tuer veranstalten konnte, doch jetzt wurden noch ganz andere Geschuetze aufgefahren. Lautes Schnarchen begann. An Schlaf war also nicht mehr zu denken, und meine ganze gute Laune vom Tag verschwand. Trotz Aergern muss ich aber irgendwann doch noch eingeschlafen sein.

 
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