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Mysore - Bangalore - Kochi Drucken
Geschrieben von Alex   
Donnerstag, 19. Januar 2006

Ich hatte dem Uncle gesagt, dass er mich morgens um 8 wecken sollte, denn um 11 sollte der Zug abfahren. Um 7:30 haemmerte er dann auch gegen meine Tuer. Da war ich aber schon lange wach, nicht zuletzt deswegen, da er eine Stunde zuvor mit Riesenlaerm meinen Nachbar geweckt hatte.

Um kurz nach zehn klopfte er schon wieder an meine Tuer. Ich oeffnete, er strahlte mich an und murmelte die ganze Zeit: "Tip, tip, tip." Sehr schoen, gleich mal nach Trinkgeld fragen. Naja, er hatte mich ja auch geweckt. Ich erklaerte ihm, ich wuerde gleich runterkommen. Wir haben fuer das Zimmer 175 pro Nacht bezahlt, am ersten Tag wollte er 300 Anzahlung, so dass ich jetzt noch 125 zurueckbekam. Da er das mit den Quittungen nicht so genau genommen hatte, hatte ich ihm schon eine Musterrechnung auf einen Zettel geschrieben, da sein Englisch auch nicht so doll war. Sein Sohn oder weiss ich wer stand dann auch noch da und starrte mich die ganze Zeit an. Ewig angestarrt wird man hier oefter, deshalb grinste ich ihn freundlich an und beachtete ihn nicht weiter, waehrend der Uncle mit meinem Zettel aufgeregt hin- und herlief. Ploetzlich schrie er den anderen an, es wurde eine Weile geflucht, dann machte er sich aber auf den Weg nach draussen. Was er dort wollte, wusste ich nicht, ich hoffte aber, es wuerde mit meinem Restgeld zu tun haben. Der Sohn sprach mich dann doch an, allerdings auf Kannada und ich verstand kein Wort. Er brachte aber doch noch etwas englisches hervor: "mental" und dazu machte er eine Kreisbewegung vor seinem Kopf. Der Uncle war die ganze Zeit komisch, meinetwegen auch geistig verwirrt. Doch mein Zug ging bald und ich wollte mein Restgeld haben. Er kam wieder rein, mit Geld in der Hand. Aber dann ging erstmal ein Streit los. Die beiden diskutierten fuerchterlich, der Uncle schmiss den Zettel auf den Boden und schrie umher. Mich beachteten sie gar nicht. Das ging eine ganze Weile so, waehrend ich mich ab und zu mal bemerkbar machte und aufgeregt auf mein Handgelenk klopfte, um zu verdeutlichen, dass ich keine Zeit mehr habe. Ich wollte ihm gerade das Geld aus der Hand reissen, da gab er es mir dann doch. Ich liess ihm etwas Trinkgeld uebrig und war froh, endlich auf der Strasse zu stehen. Nur Irre.

Ich hatte so viel Zeit verloren, dass ich doch lieber eine Rikscha zum Bahnhof nahm. Der Zug fuhr dann mit ein paar Minuten Verspaetung ab, haette ich wohl auch so geschafft. Diesmal ging die Zugfahrt ohne Probleme ab, ausser vielleicht, dass ich mir eine Dreierbank mit einer Frau und ihren beiden Kindern teilen musste. Und die nehmen auch eine Menge Platz ein, zwischenzeitlich schlief der eine schon bald auf meinem Schoss. Na aber ich konnte wenigstens einen Kaffee und ein Sandwich kaufen.

Dann war ich mal wieder in Bangalore. Den grossen Rucksack brachte ich in die Gepaeckaufbewahrung und hatte dann noch gute 8 Stunden, um mir die Zeit zu vertreiben.

Abends kam ich zum Bahnhof und hatte nur noch knapp 20 Minuten bis zur Abfahrt des Zuges. Also schnell zur Gepaeckaufbewahrung am Gleis 1, denn mit Wartezeiten haben wir ja schon Erfahrungen gemacht. Dann hatte ich mein Gepaeck, suchte das Ticket raus und wollte zum Bahnsteig 3. Aber vorher sollte noch etwas passieren.

Ich ging zehn Meter, setzte gerade den linken Fuss auf, hob den rechten an und merkte, dass der linke noch gar keine Ruhe gefunden hatte. Stattdessen bewegte er sich sehr schnell nach rechts und die ganze Last des Rucksacks zog jetzt nach links. Die Schraeglage wurde immer groesser und mit einem Rucksack auf dem Ruecken und einem vorne liess sich der Sturz auch nicht mehr verhindern. Ich dachte nur noch, ohje, nicht den Arm brechen, denn den konnte ich gerade noch so zum Abfedern des Aufpralls bewegen. Schoen auf die Seite gepackt. Da lag ich also, mitten auf dem Bahnsteig und war gleich von drei Indern umringt, die mir diesmal sogar beim Aufstehen helfen wollten. "It's slippy", meinte einer, aber das hatte ich ja auch schon selber gemerkt. Der Arm war zum Glueck nicht gebrochen, nur ein paar Schuerfwunden. Aber meine kurz zuvor gekaufte Wasserflasche hatte ich in die linke Hosentasche gestopft. Darauf war ich nun auch gelandet, dabei riss die Flasche auf und nun sah ich ganz schoen lustig oder auch unpassend aus. Schuld an der Sache war eine Baustelle ein paar Meter weiter. Sie hatten den Marmorboden aufgerissen und nun lag ringsum feinster Staub, der den Boden in eine Eisbahn verwandelte. Bis mal einer vor den Zug faellt. (Obwohl, das macht sich in der Statistik auch nicht bemerkbar, Indiens Eisenbahn gilt als die gefaehrlichste der Welt. Jedenfalls von der Haeufigkeit der Unfaelle her. Ist aber nicht so schlimm, denn durch Verkehrsunfaelle sterben hier auch durchschnittlich 1500 Leute am Tag.)

635 Eisenbahnkilometer nach Kochi. Ich fand meinen Waggon und sah, dass das Bett ueber mir von einem Auslaender gebucht war. Wir haben herausgefunden, dass auf den an die Waggons gepinnten Namenslisten hinter unseren Namen immer das Kuerzel FT steht, heisst dann wohl foreign tourist. Die Mitreisenden sahen aber alle irgendwie indisch aus. Spaeter stellte sich dann heraus, dass mein ca. 60-jaehriger Nachbar aus Mauritius kam, seine Muttersprache franzoesisch, er selbst Hindu war und sich auf spiritueller Reise durch Indien befand. Er hatte gerade eine zeitlang bei Sai Baba verbracht und sein naechstes Ziel war nun die divine mother Amma, die hier in Kerala in einem kleinen Dorf ihren Ashram hat. Wenn sie dort ist, warten wohl Tausende Menschen vor ihrer Tuer, um fuer ein paar Sekunden eingelassen und umarmt zu werden. Angeblich soll sie schon einen Leprakranken durch Umarmen geheilt haben. Die Autorin des Holy Cow-Buchs war auch dort. Nachdem sie zweimal von der Mutter umarmt wurde und immer noch keine Antwort auf ihre Fragen gefunden hatte, wurde ihr geraten, ihre gedankliche Frage einfacher zu stellen. Beim naechsten Mal fiel ihr nichts anderes ein, als sich groessere Brueste zu wuenschen. Einen Monat spaeter musste sie zur Mammographie nach Ausralien ausgeflogen werden. Der Arzt konnte nichts gefaehrliches feststellen, fragte sie aber, welches Ereignis einen Monat zuvor solch einen Hormonschub ausgeloest haben koennte.

Die Betten wurden schon ziemlich frueh runtergeklappt. Ich lag auf der unteren der drei Liegen und wartete darauf, dass meine Hose nun mal endlich trocknen wuerde. Nebenbei hoerte ich gezwungenermassen dem Paerchen zu, dass die beiden Liegen an der Gangseite hatte. Die unterhielten sich auf Englisch. So wie es mir vorkam, waren sie gerade in den Flitterwochen. Sie gehoerten schon irgendwie zusammen, aber waren sich doch noch ganz schoen fremd, erzaehlten sich zum Beispiel, wie sie immer schlafen wuerden (Bauch, Seite, Ruecken), nebenbei floetete er, sie wuerde wie der Fruehling riechen. Arrangierte Hochzeiten sind hier der Standard, die Zeitungen sind voll mit Anzeigen Braut/Braeutigam gesucht (natuerlich nach Kasten geordnet und mit Angabe der Ausbildung). Ansonsten gibt es auch nicht so viele Gelegenheiten, dass Mann und Frau sich kennenlernen koennten. Als er (anscheinend Computerinder und ziemlich stolz darauf) anfing, ihr saemtliche IT-Marken aufzuzaehlen und Hewlett-Packard buchstabierte, muss ich dann wohl irgendwann eingeschlafen sein.

 
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