 Shiva Abends sind wir mal in die andere Richtung eingebogen und ploetzlich hingen grosse Rauchschwaden in der Luft. Willkommen am Verbrennungsghat. So schnell waren wir darauf vielleicht gar nicht gefasst gewesen, aber laut Reisefuehrer ist es kein Problem, den anzugucken, solange man nicht fotografiert. Also naeher in Richtung lodernder Lagerfeuer gepirscht, aber nach wenigen Schritten schon wurde ich zurueck gerufen: und schon hatten wir einen neuen Freund, diesmal einen Vertrauenserweckenden, der uns das Ganze von oben zeigen wollte. Man darf nicht vergessen, dass viele Leute hier wirklich einfach nur nett sein wollen. Natuerlich faellt man immer auf die Falschen rein und verdaechtigt die Guten. Doch gutes Englisch und schickes Hemd sind ein gutes Zeichen, also sind wir ohne Bedenken eine Etage hoeher zu einer Art Aussichtsplattform gestiefelt und haben eine gute Einweisung ins Geschehen bekommen:
Nachdem die Toten hierher getragen wurden, werden sie von einem maennlichen Familienmitglied (Sohn) in den heiligen Ganges getaucht und fuenf Mal umrundet (eine Runde fuer jedes Element, das fuenfte Element ist wohl der Himmel), dann wird mit einer angebluoiesichen ewigen Flamme ein Scheiterhaufen angezuendet und die Leiche verbrannt, um die Seele zu reinigen und direkt von Varanasi ins Nirvana zu senden. Frauen sind nicht zugelassen, da sie zu viel weinen und ins Feuer springen koennten (zumindest frueher und selten noch heute fuer Witwen gar nicht so abwegig, weil sie durch den Tod des Ehemannes zu Ausgestossenen der Gesellschaft wurden/ werden). Die maennlichen Trauernden tragen zehn Tage lang ein weisses Trauergewand, arbeiten und kochen nicht. Die Frauen sollen laut unserem Erklaerer jeden Morgen eine Stunde weinen und dann ein Bad im Ganges nehmen. Wie in der gesamten Altstadt gibt's auch am Manikarnika Ghat mehrere Etagen und wie sonst auch wird selbst der Tod nach Kaste getrennt. Wieder ein bisschen ueberrumpelt wurden wir nun auf die oberste Etage gefuehrt. Hier werden Politiker verbrannt. Von dem ehemaligen Politiker im Feuer neben uns war zum Glueck nichts mehr zu sehen. Von der Politikeretage konnte man auf die Verbrennungsetage der Brahmanen (hoechste Kaste) hinunter sehen. Hinter uns warteten sie in einem schickes Haus auf ihren Tod. Brahmanen werden mit Sandel- und Banjanbaumholz verbrannt, dem teuersten Holz. Normalsterbliche ohne viel Geld muessen mit normalem Holz auskommen. Insgesamt dauert das Verbrennen nur zwei bis drei Stunden, dann ist nur noch die Seele und die Asche vom Oberkoerper des Mannes bzw. den Hueften bei Frauen uebrig, denn die Stellen, an denen am meisten dran ist, verbrennen zuletzt. Diese Asche wird dann in den Ganges geschuettet.  Stimmungskuehe Fuer Kinder, schwangere Frauen und Heilige wird eine Ausnahme gemacht, denn ihre Seelen sind bereits rein. Sie benoetigen das Feuer nicht und werden an Steine gebunden direkt im Fluss versenkt. Der Ganges ist ueberhaupt trotz seiner beruehmten Verschmutzung der erste indische Fluss, der mir begegnet ist, den man nicht schon vorher meterweit riechen konnte. Ausserdem sieht er unscheinbarer und sauberer aus, als ich gedacht haette. Dann ging es zu einer der unteren Verbrennungsstellen, wo ein Koerper neben seinem Feuer bereit lag. Ein paar weiss gekleidete Familienangehoerige sassen daneben und wurden unangenehmerweise von unserem Erklaerfreund ein bisschen rumgescheucht, damit wir besser sehen konnten. Allerdings wirkte auch keiner so traurig, wie man denken wuerde. Auf dem Rueckweg nach oben kamen wir an einem Feuer vorbei, aus dem ein Bein mit Fuss guckte. Auch das fand ich gar nicht so erschreckend wie erwartet, sah ganz normal aus das Bein, nicht schwarz oder schrumplig. Letzte Station war die angeblich ewige Flamme, die nach einem weiteren, kleinen Lagerfeuer aussah. Alex wurde angewiesen, an seine Freundin (mich) und, falls vorhanden, seine Ehefrau zu denken und wir bekamen einen Aschepunkt auf die Stirn. Damit war die gute Erfahrung, die es bis jetzt gewesen war, beendet und ein allzu bekannter Teil begann - die Frage nach Geld. Geschickt uebergeleitet, in dem uns drei Aeste, die neben dem ewigen Feuer in der Ecke lagen, gezeigt wurden. Das waere das Holz, das unser edler Begleiter fuer die Armen sammelt, die sich sonst keine Verbrennung leisten koennen. Sehr fleissig konnte er ja bisher noch nicht gewesen sein. Ein Kilo Sandelholz kostet 2000 Rs. (40 Euro), normales Holz 150 Rs. (3 Euro). Natuerlich braucht man fuer einen ganzen Menschen viele Kilo Holz, also wuerden die 100 Rs. von Alex auf keinen Fall als Spende reichen. Die hundert Rupien haetten wir noch froehlich als Austausch fuer die vielen Erklaerungen gegeben, doch unser Freund liess nicht locker. Schecks, Euro, Dollar, er nimmt alles, kein Problem. Arme Millionaere, es ist kein tolles Gefuehl, zu bemerken, dass Jemand mal wieder nur wegen der Aussicht auf Geld nett zu einem war.  Geldstapel Trotzdem hab ich auch nochmal hundert rausgerueckt und langsam wurde der Typ richtig bloed. Hundert Rupien sind nicht viel, aber ein Inder kann davon fuenf mal essen gehen. Er schien ja zu denken, wir tragen tausende von Dollars mit uns rum aber bis auf ein paar Muenzen hatten wir ihm unser letztes Geld gegeben. Natuerlich ist das wahrscheinlich die meist genutzte Ausrede auf der ganzen Welt, aber ausnahmsweise stimmte es (auch wenn wir ihm eh nicht mehr gegeben haetten) und wir konnten ihm zum Beweis unsere leeren Portemonnaies zeigen. Nein, geht mal da ans Licht und guckt nochmal richtig. Vielleicht habt ihr (wir?) ja Glueck und finden noch etwas. Denn das ist unsere einzigartige Chance, etwas fuer unser Karma zu tun. Na danke. Er hat dann auch gar nicht mehr zugehoert, was wir zu sagen hatten und so sind wir schnell abgezogen. Ja, so hat alles doch noch einen schlechten Nachgeschmack bekommen. Hinterher ist mir noch eingefallen, dass wir gewarnt wurden, am Verbrennungsghat keine Spenden zu geben. Trotzdem war der Typ ganz schoen ueberzeugend (er meinte, er arbeitet wohltaetig fuer einen der Sterbeashrams) und hoffen, er hat wenigstens die Wahrheit gesagt. |