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Lange schlafen kann man nicht im Zug. Vielleicht auch, weil ab um sechs die staendigen "Chai" und "Kofi"-Rufe der Verkaeufer nerven. Ich blickte aus dem Fenster und sah eine sattgruene Landschaft. An Wasser scheint es in Kerala keinen Mangel zu geben.  Willkommen in Ernakulam, Eisenbahnbruecke Mit etwas Verspaetung kam der Zug so gegen 10 Uhr an. Ich verliess den Bahnhof und hatte gar nicht erwartet, so eine grosse Stadt vorzufinden (das Internet sagt 2,2 Millionen Einwohner; so gross wirkt sie nun auch nicht, aber Inder stapeln sich ja bekanntlich enger). Wieder steckte ich mitten im Verkehrsgewimmel und hatte Schwierigkeiten, ueber die Strassen zu kommen. Eigentlich befand ich mich in Ernakulam, dem modernen Teil von Kochi mit Hotel-Hochhaeusern am Ufer und einer breiten MG Road (gibt es eigentlich in jeder Stadt, Mahatma Gandhi Road). Die Stadt ist ueber mehrere Landzungen verteilt, die untereinander mit Bruecken und Faehren verbunden sind. Dazwischen liegt ein grosses Hafengelaende mit vor Anker liegenden Schiffen und riesigen Oelspeichertuermen.
Mein Zug hielt nur am noerdlichen Bahnhof der Stadt, der unguenstiger liegt. Nach ca. 3 km mit dem ganzen Gepaeck bekam ich dann schoen die Hitze und die hohe Luftfeuchtigkeit Keralas zu spueren. Und dann ging die Hotelsuche los. In den grossen Tuermen brauchte ich erst gar nicht fragen, die sahen schon von aussen teuer aus. Und die kleineren Unterkuenfte in den Seitenstrassen waren staendig belegt, obwohl es ja noch ziemlich frueh war. Ich erreichte die Main Boat Jetty und wollte gerade schon nach Fort Cochin uebersetzen, als mir ein Englaender erzaehlte, auf der hiesigen Seite waere es billiger.  Das dachte ich auch Hm, dann doch weitersuchen. In der naechsten Lodge war keiner anzutreffen. Ich ging den ganzen Flur durchs Haus, fand einen Waescheplatz und dahinter gleich einen Stall auf dem Nachbargrundstueck, in dem drei Kuehe standen. Aber von einem Besitzer war keine Spur zu finden. Ich rief ein bisschen in den leeren Raum und setzte mich dann draussen in den Schatten um nachzudenken, was ich nun machen sollte. Vorher fand ich noch das Telefon auf dem Tisch: "Love India or leave India". Nach einer Weile tauchten Nachbarn auf, die ich nach dem Inhaber fragte. Und dann wurde er gefunden. Hatte natuerlich in seinem Zimmer geschlafen und mein Rufen nicht gehoert. Aber ein Zimmer hatte er auch nicht fuer mich.Spaeter dann ein Lichtblick. Ein Englaender meinte, er wuerde in einer halben Stunde auschecken. Aber sein Zimmer sollte 350 Rs kosten, das war mir etwas zuviel. Also weiter. Und dann hatte ich etwas gefunden, allerdings erst ab abends um halb neun. Zum Glueck konnte ich schon das Gepaeck an der Rezeption deponieren, Zaehneputzen war auch moeglich.  Chinesische Fischernetze Ich bin dann gleich wieder zur Faehre und setzte nach Fort Cochin ueber. Auszug Reisefuehrer: "Reisende, die schon eine Weile in Indien unterwegs waren, werden angesichts der Stille und der doerflichen Atmosphaere eine Art Kulturschock erleben." Ein Kulturschock war es nicht, ich empfand es eher als angenehm, konnte sogar eine halbe Stunde im Schatten eines Baumes sitzen und in mein Buch schreiben, ohne von irgendjemandem angesprochen zu werden. Nur habe ich wieder eine dicke Portion Vogelscheisse aufs Hemd bekommen. Das ist nun schon das zweite Mal in Indien, in Deutschland ist mir das wohl 20 Jahre lang nicht passiert. St. Francis Church Ich fand auch ein schoenes Cafe, eine rostige Wellblechhalle und grosse altertuemliche Lagerhallen, in denen die Haendler sackweise Tee und Gewuerze stapeln, die auf ihre Verschiffung warten. Ich unterhielt mich mit einem Lehrerpaar, die einen Schulausflug machten und mich gleich auf ihr Dorf in den Backwaters einladen wollten. Aber ich habe ja nur ein paar Tage und zumindest im Kopf steht mein Plan ja schon.Fort Cochin ist durch die Europaer gepraegt, Portugiesen, Hollaender und Englaender haben sich hier abgewechselt und demzufolge sehen die Haeuser auch aus wie ein kleines Disneyland. Aber groesstenteils wie Suedeuropa, mit den hellbuntgetuenchten Fassaden und den Holzfensterlaeden. Und ein bisschen wie Indien mit den wilden Stromleitungen zwischendurch.  Vascos Haus Chinesische Fischernetze waren auch zu sehen. Grosse Holzkonstruktionen, die ein Netz ins Wasser absenken, Steine an Seilen als Gegengewicht haben und von mindestens 4 Mann bedient werden muessen. Normalerweise werden die wohl nur nachts genutzt, da lockt dann eine Lampe die Fische an. Um Touristen zu beeindrucken, wird hier auch tagsueber gefischt, dementsprechend wenige kleine Fische haengen im Netz. Man kann sie kaufen und zu einem der kleinen Snackstaende dahinter gehen, dort werden sie gleich frisch gegrillt. Suedeuropa Ich guckte mir auch noch die St. Francis Church an, die erste europaeische Kirche in Indien (damals aber noch aus Holz). Schoen kuehl war es im Innenraum und auf dem Friedhof hatte Vasco da Gama gelegen, bis er spaeter nach Portugal ueberfuehrt wurde. Gleich dahinter lag auch das Haus, in dem er angeblich gewohnt haben soll.So vertrieb ich mir die Zeit und fluechtete vor Anbruch der Dunkelheit mit der Faehre zurueck nach Ernakulam. Ein schoenes klimatisiertes Reliance WebWorld Internetcafe suchte ich mir zum Ueberbruecken der restlichen Zeit aus, denn langsam gingen mir meine seit dem vorigen Morgen getragenen Klamotten auf die Nerven. Dann endlich war es soweit, es war halb neun, ich stand an der Rezeption und bekam den Schluessel. War ja gespannt, das war das erste Zimmer, welches ich mir vorher nicht angeguckt hatte (ich hatte ja morgens schon bezahlt). Ich hoffte nur, dass es eine Dusche haben wuerde. Ja, hatte es, und es war sogar ganz schick. Das Hotel heisst Park View Residency. Hm, einen Park konnte ich hier nicht finden und der View ist glatte Uebertreibung. Wenn ich aus dem Fenster sehe, erblicke ich nach anderthalb Metern die haessliche Betonwand des naechsten Hauses. Aber ich war zufrieden. |