Zum Bull-Tempel und der Aufbruch nach Hampi
Geschrieben von Alex   
Samstag, 17. Dezember 2005

Bull Temple
Bull Temple
Noch ein Sightseeing-Tag in Bangalore. Heute machte ich mich auf den Weg zum Bull-Tempel - eine der wenigen kulturellen Sehenswuerdigkeiten, die Bangalore zu bieten hat. Der beste Reisefuehrer fuer die Stadt war eigentlich das in den Hotelzimmern ausliegende Telefonbuch, denn darin enthalten waren farbige Abbildungen der Ziele, so dass ich mir aussuchen konnte, was ich gerne sehen wollte. Es scheint wirklich einen Mangel zu geben, denn einige der Empfehlungen waren gute 300 Kilometer entfernt. Zu weit fuer eine Fahrt mit dem Stadtbus.

Der Reisefuehrer versprach einen "langen Weg, gesaeumt mit Bettlern und Schlangenbeschwoerern". Denen galt auch mein Hauptinteresse, denn ich habe bislang noch nicht einen Snake Charmer gesehen. In der Zeitung stand neulich, dass zwei von ihnen eine Frau besucht und ausgeraubt haetten. Sie redeten ihr ein, ihr Mann wuerde an einem Schlangenbiss sterben, wenn sie nicht eine Sitzung schwarzer Magie mit ihnen abhalten wuerde. Schlimm fuer die Frau, aber demzufolge muss es wirklich welche geben. Nur druecken sie sich bisher erfolgreich vor mir.

Und so auch heute. Weit war der Weg wirklich (jedenfalls von der Stelle an, an der mir der Schaffner im Bus den Wink zum Aussteigen gab, der Tempel selbst lag direkt an der Strasse), aber es gab nicht einen verdammten Schlangenbeschwoerer. Also drehte ich relativ missmutig eine Runde um den Monolithen des Stiers Nandi, Shivas Reittier. (Alle Goetter haben bestimmte Fortbewegunsmittel, die auch Fahrzeuge genannt werden. Mein Freund Ganesh bewegt sich auf einer Ratte vorwaerts, andere haben zum Beispiel so originelle Fahrzeuge wie eine Kreuzung aus Mensch und Adler.) Gross war er schon, ca. 6 Meter lang, aber so vom Hocker gerissen hat er mich nicht.

Strassenschild
Strassenschild
Auf der Ruecktour stand ich wieder ewig im Stau und so war der Tag dann auch schon bald um, da ich ja schon um 22:00 abfahren sollte. Es reichte noch fuer einen kurzen Besuch im Internet, zum Duschen und Sachenpacken und schon stand ich mit meinen Rucksaecken vor der Royal Lodge und begab mich auf den Weg zum Bahnhof.

Plattform 8, das war relativ einfach rauszufinden. Doch wo mein Waggon anhalten sollte war mir ein Raetsel. Der Zug fuhr ein. Jetzt konnte man ein mir bis dahin unbekanntes Schauspiel beobachten. Die billigsten Tickets sind die fuer die Wagen ohne Reservierung. Man kann den Zug sofort benutzen und spart die Reservierungsgebuehr von ca. 30 Rupies. Ich habe diese Klasse noch nicht von innen gesehen, aber sie soll so sein, wie man sich indische Zuege vorstellt - ungeheuer voll, laut und unbequem. Und waehrend diese Wagen sich am Bahnsteig vorbeischoben, sprangen die ersten Reisenden auf und klammerten sich an die noch geschlossenen Tueren, um ja frueh in den Wagen zu kommen und Plaetze zu sichern.

Ich waere eigentlich auch ganz gern schon aufgesprungen. Nur wusste ich einfach nicht, auf welchen Waggon. 10 Minuten bis zur Abfahrt, 4 waren schon vorbei und ich suchte immer noch die ominoese 3. Klasse, die in keinem Reisefuehrer erwaehnt wird. 2 Minuten vor geplanter Abfahrt (geplant, es dauerte eh etwas laenger) fand ich sie dann doch. Und war ueberrascht. Keine Holzsitze, sondern 3 ganz ordentliche Liegen uebereinander und Bettwaesche gab es auch. Fuenf dieser Wagen waren mit Papierausdrucken anstatt der ueblichen Lackierung gekennzeichnet, vielleicht handelte es sich um spezielle Wagen, die zu besonderen Zeiten zusaetzlich an die Zuege gehaengt werden.

In meiner 6-Betten-Nische sassen drei asiatische Traveller und eine Frau aus Bellary mit ihrer kleinen Tochter. Sie hatte hier in Bangalore ihren Sohn besucht, der Arzt ist. Alle waren nett zueinander und baten mir sogar Essen an. Obwohl ich vorher nichts mehr gegessen hatte, hatte ich eigentlich keinen Hunger. Aber die Frau liess sich nicht abbringen und fuellte mir etwas aus ihrer Gemuesereisschale auf den Deckel. Ueberall in den Zuegen stehen Schilder, man soll kein Essen von anderen annehmen. Aber da sie und ihre Tochter auch davon assen, musste ich mir keine Sorgen machen und ass meine Portion auf. Haette mir bei ihr auch so keine Sorgen gemacht.

Dann wurde auch schon bald das Licht ausgeschaltet und alle begaben sich zur Ruhe.